Die Welt der Kakaovielfalt
– Welche Kakaosorten gibt es wirklich und worin unterscheiden sie sich?
Ursprung, historische Geschichten und moderne Genomforschung – eine Reise hinter die Bohne.
· Kakaochi Team
Viele von euch wissen bereits, wo unser Kakaochi Rohkakao seine Wurzeln hat und wo er heute angebaut wird. Doch wisst ihr auch, wie unglaublich vielfältig Rohkakao eigentlich ist? Welche Kakaosorten gibt es und worin unterscheiden sie sich? Und aus welchen Sorten besteht eigentlich unser Kakaochi Ritualkakao?

Wir nehmen euch mit auf eine Entdeckungsreise zu den Urformen historischer Kakaosorten und zeigen euch, welche genetische Vielfalt die moderne Genomforschung inzwischen ans Licht gebracht hat.
Die Vielfalt der Kakaobäume
Hinter jeder Kakaobohne steckt mehr als wir vermuten. Denn je nachdem, auf welchem Boden der Kakaobaum wächst, in welchem Klima er gedeiht, wie er angebaut wird und welcher Sorte er angehört, entwickelt Kakao völlig unterschiedliche Aromen und Geschmacksprofile. Ob in den Regenwäldern Südamerikas, den Tropen Mittelamerikas, auf den Plantagen Westafrikas, in den Hochlagen Asiens oder auf den Inseln Ozeaniens: Kakao ist weit mehr als ein einfacher Rohstoff. Er ist so vielfältig wie die Landschaften und Kulturen, in denen er gedeiht.
Edelkakao vs. Konsumkakao

Die ICCO (International Cocoa Organization) unterscheidet auf dem Kakaoweltmarkt bis heute zwei große Kategorien: Edelkakao (engl. Fine or Flavour Cocoa) und Konsumkakao (engl. Bulk Cocoa). Weltweit entfallen rund 88 Prozent der gesamten Kakaobohnenexporte auf Konsumkakao, während Edelkakao nur etwa 12 Prozent ausmacht. Welche Länder ihren Kakao ganz oder teilweise als Fine or Flavour Cocoa exportieren, wird im Annex C des Internationalen Kakaoabkommens von 2010 festgehalten und regelmäßig angepasst. Im Jahr 2016 wurden dort 23 Länder geführt, darunter auch Guatemala und Belize, die Herkunftsländer von Kakaochi Kakao.1
~ 88 %
Konsumkakao
~ 12 %
Edelkakao
Neben dieser Unterscheidung hat sich historisch eine weitere Einteilung in vier Hauptgruppen etabliert: Forastero, Criollo, Trinitario und Nacional. Dabei wird Forastero vor allem dem Konsumkakao zugerechnet, Criollo, Trinitario und Nacional dagegen werden überwiegend mit Edelkakao verbunden.2
Was genau als Edelkakao gilt, lässt sich nicht an einem einzigen Merkmal festmachen. Entscheidend ist vielmehr das Zusammenspiel von Aroma, genetischer Herkunft, Anbaubedingungen sowie Fermentation, Trocknung und Verarbeitung.2
Auch wissen wir heute, dass sich Kakao nicht so einfach in vier Schubladen stecken lässt. Wie komplex und vielfältig die Welt des Rohkakaos tatsächlich ist, zeigt uns die moderne Genomforschung. Neueste wissenschaftliche Untersuchungen machen dabei eine genetische Diversität sichtbar, die weit über die klassische Einteilung hinausgeht. Um die neuen Erkenntnisse zur Kakaovielfalt besser einordnen zu können, werfen wir zunächst einen Blick auf die vier traditionellen Kakaogruppen und ihre Geschichte.
Die vier klassischen Kakaosorten: Criollo, Forastero, Trinitario und Nacional
Jede dieser Kakaogruppen bringt ihre eigene Geschichte, ihr eigenes Aroma oder, wie wir bei Kakaochi gerne sagen, ihren ganz eigenen Charakter mit. Dabei stellt sich uns eine entscheidende Frage, die uns zu den Ursprüngen der traditionellen Kakaogruppen und somit zum Beginn ihrer Geschichte führen soll …
Woher bekamen die Kakaosorten eigentlich ihre Namen?
Die Antwort wird dich überraschen: nicht im Labor, sondern auf dem Marktplatz. Lange bevor DNA-Analysen und moderne Pflanzenforschung existierten, unterschied man Kakaosorten zunächst anhand sichtbarer Pflanzenmerkmale wie Fruchtform, Fruchtfarbe, Samenfarbe und der geografischen Herkunft.5 Die Bezeichnungen, unter denen wir die Kakaosorten heute kennen, entwickelten sich hingegen erst später im Laufe der Kakaogeschichte:
Die Geschichte des Kakaos
Bereits vor rund 5.300 Jahren wurde Kakao in seinem südamerikanischen Ursprungsgebiet im heutigen Ecuador genutzt und domestiziert.6 Von dort aus gelangte er dann vor rund 3.800 Jahren über weitverzweigte präkolumbische Handels- und Austauschnetzwerke indigener Völker bis nach Mesoamerika. Lange vor der Globalisierung fand somit bereits ein Austausch statt, bei dem die Kakaopflanze über weite Distanzen gehandelt, verbreitet und weiter kultiviert wurde.7
Selbst unser heutiges Wort Kakao erzählt von dieser frühen Reise. Das alte Wort kakaw(a) stammt aus der Mixe-Zoque-Sprachfamilie der olmekischen Kultur (1500 v. Chr.). Das Volk der Maya (900–400 v. Chr.) übernahm das Kakaowissen der Olmeken und nannte Kakao abgekürzt kakaw. Später entwickelte sich daraus im Nahuatl, der Sprache der Mexica/Azteken (300–600 v. Chr.), die Form kakawa-tl. Aus dieser Bezeichnung leiten die Spanier im frühen 16. Jahrhundert schließlich das spanische Wort Cacao ab.8
Doch mit der Ankunft der Spanier im damaligen Mesoamerika begann ein neues Kapitel der Kakaogeschichte:
Im Jahr 1502 begegnete die Besatzung Christoph Kolumbus’ vor der heutigen Küste von Honduras Maya-Händlern, die in ihrem Handelskanu unter anderem Kakaobohnen mit sich führten. Welche enorme Bedeutung Kakao damals bereits hatte, erkannten die Spanier jedoch noch nicht. Erst Jahre später, als sie ab 1519 in das heutige Mexiko vordrangen, trafen sie auf die hochentwickelte Kultur der Azteken, in der Kakao längst weit mehr als nur ein Lebensmittel war. Er wurde bei Ritualen und gesellschaftlichen Anlässen verwendet, gehandelt und sogar als Zahlungsmittel eingesetzt. Mit der Gründung des Vizekönigreichs Neuspanien 1535 wurde Kakao Teil des spanischen Kolonialhandels, und der Anbau in Mittel- und Südamerika weiter ausgedehnt.7
Dabei spielte Venezuela eine besonders wichtige Rolle:
Denn bereits in den 1560er- und 1570er-Jahren wurde Kakao von Venezuela nach Europa exportiert, womit sich das Land im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts zu einem der wichtigsten Kakaolieferanten weltweit entwickelte.9 Und genau hier begegnen uns zwei Begriffe, die das Bild der Kakaosorten bis heute prägen: Criollo und Forastero.
Denn die Kakaoproduzenten an der venezolanischen Küste bezeichneten ihre lokal kultivierten Kakaobäume als Criollo – sinngemäß „der Einheimische“, während von außerhalb eingeführtes Pflanzenmaterial als Forastero – „der Fremde“ oder „von außerhalb Kommende“ bezeichnet wurde. 1882 übernahm der Botaniker Daniel Morris diese Alltagsbegriffe der Kakaobauern und machte daraus eine formale wissenschaftliche Einteilung, die sich global verbreitete.10
Werfen wir nun einen genaueren Blick auf die vier Charaktere der klassischen Kakaosorten:
Criollo – der Einheimische
Criollo hat in der Kakaowelt einen ganz besonderen Ruf und ist gleichzeitig wohl jene Kakaosorte, um die sich die meisten Mythen ranken.
Lange galt Criollo als ursprünglich mesoamerikanischer Kakao, weil er dort schon sehr früh kultiviert wurde. Genetische Untersuchungen zeigen heute jedoch, dass seine Wurzeln weiter südlich liegen. Die ursprüngliche Criollo-Linie, in der Forschung häufig als „Ancient Criollo“ oder „True Criollo“ bezeichnet, entstand vermutlich aus einem sehr kleinen Bestand südamerikanischer Kakaobäume, die von Menschen nach Mittelamerika gebracht und dort über viele Generationen weiter kultiviert wurden.10
Geschmacklich wird Criollo aufgrund seines komplexen Aromaprofils sowie seiner vergleichsweise geringen Bitterkeit und Adstringenz besonders geschätzt. Charakteristisch sind milde und feine Aromen, die je nach Herkunft und Verarbeitung fruchtig, blumig, nussig oder karamellig ausfallen können.13 Der Preis dafür ist hoch, denn Criollo-Bäume gelten als ertragsschwach und anfällig gegenüber Krankheiten, wodurch sich ihr Anbau deutlich anspruchsvoller gestaltet.14
Schätzungen zufolge macht Criollo heute weniger als 5 % der weltweiten Kakaoproduktion aus.14 Diese Zahl darf allerdings nicht mit genetisch reinem Criollo gleichgesetzt werden, denn True bzw. Ancient Criollo ist noch wesentlich seltener. Viele Kakaobäume, die heute als Criollo bezeichnet werden, sind sogenannte „Modern Criollos“, die bereits genetische Anteile anderer Kakaogruppen in sich tragen.15
Somit ist Criollo eine sehr alte und aufgrund seiner besonderen genetischen Geschichte, seiner Seltenheit und seines Aromapotenzials außergewöhnliche Kakaolinie. Ob er deshalb aber auch wie so oft erzählt wird „der beste Kakao der Welt“ ist, lässt sich pauschal nicht sagen. Denn auch beim Criollo entscheidet nicht allein die genetische Herkunft über Qualität und Geschmack, sondern das gesamte Zusammenspiel vom Anbau über die Ernte bis hin zur Verarbeitung der Kakaobohne.
Forastero – der Fremdling, der die Welt eroberte
Forastero galt lange als das Gegenstück zu Criollo.
Viele Forastero-Kakaos sind robuster, ertragreicher und widerstandsfähiger gegenüber Krankheiten und Schädlingen, wodurch sie sich besonders gut für den großflächigen Kakaoanbau eignen.16 Genau das machte Forastero zur bevorzugten Sorte, als der Kakaoanbau im 17. und 18. Jahrhundert auf neue Regionen ausgeweitet wurde.
Geschmacklich wird Forastero mit einem kräftigen Kakaogeschmack sowie stärkerer Bitterkeit und Adstringenz in Verbindung gebracht. Das macht ihn jedoch keineswegs automatisch zu einem Kakao geringerer Qualität, denn auch Forastero kann je nach Herkunft und Verarbeitung überraschend feine und komplexe Aromen entwickeln.13
Seine weltweite Bedeutung verdankt Forastero vor allem der Verbreitung des historisch zum Forastero gezählten Amelonado-Kakaos aus Brasilien. Dieser gelangte 1822 nach Príncipe und 1830 nach São Tomé vor der westafrikanischen Küste, von wo aus sich der Kakaoanbau weiter nach Westafrika verbreitete. 1879 erreichte Amelonado Ghana und ab etwa 1890 verbreitete sich der Kakaoanbau auch in der Côte d’Ivoire weiter.17 Damit begann der Aufstieg Westafrikas zum Zentrum der weltweiten Kakaoproduktion, wobei die Côte d’Ivoire (Elfenbeinküste) bis heute der größte Kakaoproduzent der Welt ist. Schätzungen zufolge macht Forastero heute rund 80 Prozent der weltweiten Kakaoproduktion aus.16
Trinitario – das Beste aus zwei Welten
Auf der karibischen Insel Trinidad vor der Küste Südamerikas ereignete sich 1727 ein schweres Unglück. Große Teile der dort kultivierten Criollo-Bestände wurden durch eine verheerende Pflanzenkrankheit, den sogenannten „Blast“, zerstört. Als Lösung wurden Amelonado-Forastero-Kakaobäume aus dem Osten Venezuelas auf die Insel gebracht, woraufhin sich diese auf natürliche Weise mit dem edlen Criollo kreuzten. Aus dieser Hybridisierung entstand schließlich Trinitario, benannt nach der Insel Trinidad.11
Was daraus entstand, war mehr als nur ein Kompromiss: Trinitario vereint die Widerstandsfähigkeit und höhere Ertragskraft des Forastero mit dem feinen Aromapotenzial des Criollo. Geschmacklich zeigt er sich besonders vielfältig und kann je nach Herkunft fruchtige, blumige, nussige oder würzige Aromen entwickeln.13 Trinitario gilt als Edelkakao und ist heute in vielen Anbauregionen weltweit zu finden, von der Karibik über Lateinamerika und Asien bis nach Westafrika.2
Nacional – das Eigengewächs Ecuadors
Nacional ist wohl jene klassische Kakaogruppe, die am engsten mit einem einzelnen Land verbunden ist.
Seine Wurzeln liegen in den südlichen Amazonas-Regenwäldern Ecuadors, während er später vor allem entlang der Pazifikküste angebaut wurde und über Jahrhunderte die Geschichte und Wirtschaft des Landes prägte.12
Nacional ist wie Criollo eine eigenständige genetische Gruppe, die auch unter dem Namen „Arriba“ bekannt ist. Diese Bezeichnung entstand im Hafen von Guayaquil, als Händler nach der Herkunft des besonders aromatischen Kakaos fragten und die Antwort „¡De arriba!“, also sinngemäß „von weiter oben“, aus den flussaufwärts gelegenen Anbaugebieten lautete.18
Geschmacklich ist Nacional besonders für sein unverwechselbares blumig-nussiges Aroma bekannt und gilt als einer der aromatisch eigenständigsten Fine-Flavour-Kakaos. Über Generationen wurde er zu einem wichtigen Teil der ecuadorianischen Kakaoidentität und gilt dort bis heute als nationales Kulturerbe.12

Erkenntnisse moderner Forschung – neue Kakao-Cluster
Welche Kakaosorte war nun die erste?
Tatsächlich lautet die Antwort: Es gab nicht die EINE erste Kakaosorte.
Denn vor rund 5.300 Jahren kannten die Menschen Begriffe wie Criollo, Forastero, Trinitario oder Nacional noch nicht. Kakao existierte jedoch bereits in einer großen natürlichen Vielfalt unterschiedlicher Populationen im tropischen Südamerika. Manche Bäume trugen größere Früchte, andere besaßen süßeres Fruchtfleisch, weniger bittere Samen, besondere Aromen oder lieferten bessere Erträge. Menschen begannen, bevorzugte Bäume zu pflegen, anzubauen und ihre Samen weiterzuverbreiten.
So begann die Domestizierung von Kakao.
Die Domestizierung von Kakao war ein jahrtausendelanger Prozess aus Nutzung, Auswahl, Transport, Anbau und genetischer Vermischung unterschiedlicher Populationen. Diese Kreuzungen entstanden einerseits durch die menschliche Selektion, andererseits ganz natürlich durch Fremdbestäubung: Dabei übertragen winzige Mücken, vor allem Gnitzen, die Pollen zwischen verschiedenen Kakaobäumen und verbinden so deren genetische Eigenschaften.
Und genau hier kommen die modernen Kakao-Cluster ins Spiel.
Was ist eigentlich ein Kakao-Cluster?
Ein genetischer Cluster ist keine Sorte im klassischen Sinn. Man kann ihn sich vielmehr wie eine große genetische Familie vorstellen. Die einzelnen Mitglieder müssen nicht völlig identisch sein, ihre DNA weist jedoch genügend Gemeinsamkeiten auf, um sie von anderen Gruppen unterscheiden zu können. Oder vereinfacht gesagt: Betrachtet man Theobroma cacao wie einen großen Stammbaum, bildet jeder Cluster einen Ast, dessen Mitglieder genetisch enger miteinander verwandt sind.
Die Grenzen zwischen diesen Gruppen sind allerdings fließend. Durch natürliche Fremdbestäubung und menschliche Kreuzungen können Kakaobäume Abstammungsanteile verschiedener Cluster in sich tragen. Ein einzelner Baum kann deshalb beispielsweise genetische Anteile von Nacional, Amelonado und Criollo besitzen.
Und jetzt wird es wissenschaftlich …
Welche und wie viele Kakao-Cluster gibt es heute?
Die klassische Einteilung wurde zum ersten Mal durch die Studie von Juan Carlos Motamayor und seinem Forschungsteam im Jahr 2008 infrage gestellt. Die Forschenden untersuchten 1.241 Kakaoproben aus zwölf Herkunftsländern mithilfe genetischer Marker. Ein großer Teil des Materials stammte aus Peru, Brasilien, Ecuador, Kolumbien und Französisch-Guayana sowie Vergleichsmaterial aus Mittelamerika und Ghana.5 Die Analyse zeigte, dass sich Kakao nicht nur in wenige traditionelle Gruppen einteilen lässt, sondern in zehn genetische Hauptcluster: Amelonado, Contamana, Criollo, Curaray, Guiana, Iquitos, Marañón, Nacional, Nanay und Purús.5
Die Studie zeigte zudem, dass sich hinter dem Namen Forastero weit mehr als nur eine einzelne Kakaosorte verbirgt. Vielmehr diente die Bezeichnung lange als Sammelbegriff für zahlreiche kultivierte, halbwilde und wilde Kakaopopulationen aus dem Amazonasgebiet, die heute den verschiedenen genetischen Gruppen zugeordnet werden.5
Weitere Untersuchungen brachten anschließend noch mehr Vielfalt ans Licht. Im Jahr 2022 analysierten Olivier Fouet, Claire Lanaud und ihr Forschungsteam 283 ursprünglich vorkommende Kakaobäume aus dem ecuadorianischen Amazonasgebiet. Dabei konnten neben den bereits bekannten Gruppen auch Caquetá und Morona als genetisch charakteristische Populationen abgegrenzt werden.19
Damit umfasste diese erweiterte Darstellung nun zwölf genetische Gruppen beziehungsweise Populationen.

Sind es nun zehn, elf, zwölf oder noch mehr Gruppen?
Eine Studie von Claire Lanaud und ihrem Forschungsteam aus dem Jahr 2024 untersuchte 352 präkolumbianische Keramikgefäße aus 19 Kulturen in sechs Ländern: Ecuador, Kolumbien, Peru, Panama, Mexiko und Belize. Anhand der darin erhaltenen alten Kakao-DNA, Theobromin und Koffein-Rückstände bestätigten die Forschenden nicht nur, dass Kakao bereits seit über 5.300 Jahren genutzt wird, sondern auch die genetische Struktur von Theobroma cacao in elf Referenzgruppen – den zehn Gruppen von Motamayor ergänzt um Caquetá.7
Doch sie entdeckten zudem etwas Bemerkenswertes: Die Analyse zeigte, dass die unterschiedlichen Kakaopopulationen bereits vor rund 5.000 Jahren über ihr Ursprungsgebiet hinaus verbreitet und kultiviert wurden. Selbst an Fundorten der Olmeken und Maya fanden sich neben Criollo genetische Spuren weiterer Gruppen wie Amelonado und Nacional. Solche genetisch gemischten Kakaos werden heute als „Admixed“ bezeichnet.7
Und die Forschung geht weiter: 2026 untersuchten Lambert Motilal und sein Forschungsteam 390 traditionelle Kakaobäume aus acht Regionen Perus. Dabei identifizierten sie vier weitere genetische Linien: Chuncho 1, Chuncho 2, Awajún und Porcelana.4
Die Antwort auf die Frage, wie viele Kakao-Cluster es heute genau gibt, ist deshalb nicht ganz eindeutig. Je nach Untersuchung wird von zehn, elf, zwölf oder noch mehr genetischen Gruppen, Populationen und Abstammungslinien gesprochen. Mit jeder neu untersuchten Region und genaueren genetischen Methode kann weitere Vielfalt sichtbar werden.
Die Kakao-Forschung im Überblick
- 2008 – Motamayor et al.: zehn genetische Hauptcluster
- 2022 – Fouet et al.: Caquetá und Morona kommen hinzu – zwölf Gruppen
- 2024 – Lanaud et al.: elf Referenzgruppen und „Admixed“-Kakao an Fundorten der Olmeken und Maya
- 2026 – Motilal et al.: vier weitere Linien in Peru – Chuncho 1, Chuncho 2, Awajún und Porcelana
Warum ist die Kakao-Vielfalt heute so wichtig?

Die genetische Vielfalt des Kakaos ist nicht nur für seine Vergangenheit wichtig, sondern vor allem für seine Zukunft. Denn Kakaobäume sind äußerst sensibel und gedeihen nur unter bestimmten klimatischen Bedingungen rund um den tropischen Äquatorgürtel. Sie benötigen ganzjährig warme Temperaturen, ausreichend und möglichst gleichmäßig verteilten Niederschlag, eine hohe Luftfeuchtigkeit sowie Schutz vor längeren Trockenperioden, wobei besonders junge Kakaobäume dabei zusätzlich auf Schattenbäume angewiesen sind. Genau dieses empfindliche Zusammenspiel gerät durch den Klimawandel zunehmend unter Druck. Steigende Temperaturen, längere Trockenperioden und veränderte Niederschläge können Wachstum, Blüte und Fruchtbildung beeinträchtigen und gleichzeitig Krankheiten begünstigen.16
Hinzu kommt, dass durch Entwaldung wilde Kakaopopulationen verloren gehen, obwohl ihre genetischen Merkmale teilweise noch kaum erforscht sind.19 Gerade diese Vielfalt könnte jedoch jene entscheidenden Eigenschaften besitzen, die Kakaobäume zukünftig widerstandsfähiger gegenüber den neuen Bedingungen einer sich verändernden Welt machen.
Mit jeder verlorenen Population könnten also auch genetische Lösungen verschwinden, bevor wir überhaupt wissen, dass wir sie brauchen.
Die Vielfalt des Kakaos zu bewahren und besser zu verstehen bedeutet deshalb weit mehr, als seine Vergangenheit zu schützen: Es bedeutet, seine Möglichkeiten für die Zukunft zu erhalten.
Und was bedeutet das für uns bei Kakaochi?

Criollo, Forastero, Trinitario und Nacional erzählen einen wichtigen Teil der Kakaogeschichte – aber eben nicht die ganze.
Und aus welchen Sorten besteht nun eigentlich unser Kakaochi Ritualkakao? Ganz ehrlich: Das können wir ohne genetische Analyse nicht eindeutig sagen. Denn wie wir gesehen haben, lässt sich Kakao heute längst nicht mehr sauber in vier Sortenschubladen einteilen. Viele Kakaobäume tragen eine komplexe genetische Geschichte in sich.
Für uns bei Kakaochi ist deshalb auch nicht entscheidend, ob eine Bohne möglichst „sortenrein“ ist oder einen bestimmten Namen trägt. Guter Kakao entsteht durch das Zusammenspiel vieler Faktoren: durch seine genetische Herkunft, den Boden und das Klima, den Anbau und die Ernte, die Fermentation und Trocknung – und schließlich durch die sorgfältige Verarbeitung. Genau dieses Zusammenspiel bestimmt letztlich Qualität, Aroma und Charakter.
Deshalb achten wir bei Kakaochi auf das große Ganze: von der Erde, in der unsere Kakaopflanzen wachsen, über die kleinbäuerlichen Familien aus Guatemala und Belize, die unseren Kakao anbauen und ernten, bis hin zur Verarbeitung in Österreich. Nachhaltigkeit, Fairness, Handarbeit, Sorgfalt und ein respektvoller Umgang mit Natur, Mensch und Produkt stehen dabei für uns im Mittelpunkt.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis aus der Welt der Kakaovielfalt: Eine Kakaobohne ist weit mehr als ihr Sortenname.
Denn in jeder Bohne begegnen sich Mensch und Natur, Vergangenheit und Gegenwart, Ursprung und Moderne. In jeder Kakaobohne steckt uraltes Wissen, historische Geschichten, kultureller Austausch, Begegnungen, Rituale und eine jahrtausendealte Wertschätzung, die über Generationen weitergetragen wurde, und eine Vielfalt, die wir heute erst beginnen, wirklich zu verstehen.

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Mehr zu Ursprung und Herkunft von Kakao findest du in unserem Blogbeitrag „Woher kommt Kakao wirklich?“.
Häufige Fragen zu Kakaosorten und Kakaovielfalt (FAQ)
Weitere Blogartikel von Kakaochi
¹ International Cocoa Organization (ICCO) (2016): ICCO Panel recognizes 23 countries as fine and flavour cocoa exporters. ↩
² International Cocoa Organization (ICCO) (o. J.): Fine Flavor Cocoa. ↩
³ Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie (BDSI) (2024): Ursprung und genetische Vielfalt des Kakaos.
⁴ Motilal, L. A. et al. (2026): Genetic structure of traditional cacao reveals four new genetic lineages in indigenous Amazonian sites in Peru. PLOS ONE, 21(7), e0351690. ↩
⁵ Motamayor, J. C. et al. (2008): Geographic and Genetic Population Differentiation of the Amazonian Chocolate Tree (Theobroma cacao L.). PLOS ONE, 3(10), e3311. ↩
⁶ Zarrillo, S. et al. (2018): The use and domestication of Theobroma cacao during the mid-Holocene in the upper Amazon. Nature Ecology & Evolution, 2, 1879–1888. ↩
⁷ Lanaud, C. et al. (2024): A revisited history of cacao domestication in pre-Columbian times revealed by archaeogenomic approaches. Scientific Reports, 14, 2972. ↩
⁸ Kaufman, T. & Justeson, J. (2007): The History of the Word for Cacao in Ancient Mesoamerica. Ancient Mesoamerica, 18(2), 193–237. ↩
⁹ Díaz-Valderrama, J. R., Leiva-Espinoza, S. T. & Aime, M. C. (2020): The History of Cacao and Its Diseases in the Americas. Phytopathology, 110(10), 1604–1619. ↩
¹⁰ Motamayor, J. C. et al. (2002): Cacao domestication I: the origin of the cacao cultivated by the Mayas. Heredity, 89, 380–386. ↩
¹¹ Motamayor, J. C. et al. (2003): Cacao domestication II: progenitor germplasm of the Trinitario cacao cultivar. Heredity, 91, 322–330. ↩
¹² Loor Solorzano, R. G. et al. (2012): Insight into the Wild Origin, Migration and Domestication History of the Fine Flavour Nacional Theobroma cacao L. Variety from Ecuador. PLOS ONE, 7(11), e48438. ↩
¹³ Putri, D. N., De Steur, H., Juvinal, J. G., Gellynck, X. & Schouteten, J. J. (2024): Sensory attributes of fine flavor cocoa beans and chocolate: A systematic literature review. Journal of Food Science, 89(4), 1917–1943. ↩
¹⁴ Lachenaud, P. & Motamayor, J. C. (2017): The Criollo cacao tree (Theobroma cacao L.): A review. Genetic Resources and Crop Evolution, 64(8), 1807–1820. ↩
¹⁵ Cornejo, O. E. et al. (2018): Population genomic analyses of the chocolate tree, Theobroma cacao L., provide insights into its domestication process. Communications Biology, 1, 167. ↩
¹⁶ Kongor, J. E., Owusu, M. & Oduro-Yeboah, C. (2024): Cocoa production in the 2020s: challenges and solutions. CABI Agriculture and Bioscience, 5, 102. ↩
¹⁷ International Cocoa Organization (ICCO) (o. J.): Growing Cocoa. ↩
¹⁸ Abad, A., Acuña, C. & Naranjo, E. (2020): El cacao en la Costa ecuatoriana: estudio de su dimensión cultural y económica. Estudios de la Gestión, 7, 59–83. ↩
¹⁹ Fouet, O. et al. (2022): Collection of native Theobroma cacao L. accessions from the Ecuadorian Amazon highlights a hotspot of cocoa diversity. Plants, People, Planet, 4(6), 605–617. ↩
Bildquellen:
Abb. 1: Kakaovielfalt in Guatemala. Foto: © Rowin / Kakaochi.
Abb. 2: Kakaobohne bei der Verarbeitung und Qualitätskontrolle in Guatemala. Foto: © Rowin / Kakaochi.
Abb. 3: Weltkarte der historischen Verbreitung von Kakao. Eigene Darstellung des Kakaochi-Teams mit Unterstützung von ChatGPT, in Anlehnung an Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie e. V. (BDSI) (2024): Ursprung und genetische Vielfalt des Kakaos.³
Abb. 4: Schematische Darstellung genetischer Kakaogruppen von Theobroma cacao. Eigene Darstellung des Kakaochi-Teams mit Unterstützung von ChatGPT. Inhaltliche Grundlage: Motamayor et al. (2008) und Fouet et al. (2022).
Abb. 5: Kakaobaum unter schützendem Blätterdach in Guatemala. Foto: © Rowin / Kakaochi.
Abb. 6: Kakaochi auf einer Kakaoplantage in Guatemala. Foto: © Rowin / Kakaochi.
Abb. 7: Kakaochi gemeinsam mit Kakaoproduzentinnen in Guatemala. Foto: © Rowin / Kakaochi.


